Die Ernennung zum Karma-Yogi

Karma_yoga_Bedeutung

Eine Geschichte über das absichtslose Handeln und seine Wirkung

Von Martin Haar

Plötzlich hat es klick gemacht. Oz wusste auf einmal, alles wirkt zusammen. Körper, Geist, Seele und der Atem. Ihr Heureka ist schon eine Weile her. Gute 20 Jahre. „Damals ich bin aufgewacht“, erzählte sie mir vor rund fünf Jahren von ihrer Erweckung. Sie war damals zu einer Yogini erweckt. Noch heute sagt sie: „Ich bin zu allererst eine Yogini, dann eine Geschäftsfrau.“ Seitdem fühlt sich verbunden. Mit dem Leben, der Natur, zu Menschen und ihrem Selbst.

Es war unsere erste Begegnung – damals im Februar 2019. Ehrlich gesagt: Klick hat es bei mir nach diesem Interview für einen Artikel über Oz nicht gemacht. Ja, dachte ich, es ist eine bemerkenswerte Frau, Mutter und Yogal-Lehrerin mit einer noch bemerkenswerteren Lebensgeschichte. Aber prägend war dieser anregende Plausch im OM Yoga Stuttgart nicht unbedingt.

Nein, die Erweckung, wenn man es so nennen will, kam erst nach unserer zweiten Begegnung. Da meinte Oz zum Abschied: „Martin, du bist jetzt Karma-Yogi!“

Echt?, dachte ich. Klingt gut. Aber in diesem Moment erfasste ich nicht den Bruchteil der Dimension, die hinter diesem Satz steckt. Erst viel später wurde mir klar: Wenn dich jemand zum Karma Yogi ernennt, ist das wie ein Ritterschlag. Es bringt dir einen Kosmos an Möglichkeiten. Es ist ein Geschenk und eine Herausforderung zugleich. Ein Kredit. Ein Vertrauensvorschuss in deine potenziellen Fähigkeiten und deine Hingabe, Handlungen ohne Anhaftung an irgendwelche Ergebnisse zu vollbringen.

Es bedeutete, dass Oz mit zutraute, meine Pflichten und Verantwortlichkeiten zu erfüllen, ohne egoistische Motivationen oder Erwartungen. Gleiches gilt natürlich umgekehrt: Oz hatte keinerlei Erwartungen an mich. Sie erwartete keine weiteren, schönen Zeitungs-Artikel über sie. Sie erwartete nur mein „Licht und meine Liebe“, wie sie oft zu sagen pflegt. Genau das war mir in diesem Moment nicht klar. Ich dachte, es sei eine andere Art von Geschäft. Nur ohne Geld. So eine Art yogisches „Eine-Hand-wäscht-die-andere“. 

Wer in den Weiten des Internets nachliest, findet zu Karma Yoga folgende Definition: 

Diese Ernennung zum Karma Yogi kann auch bedeuten, dass man deine Fähigkeit schätzt, selbstlosen Dienst zu leisten und sich für das Wohl anderer einzusetzen. Es ist eine Anerkennung deiner spirituellen Reife und deiner Hingabe an das Prinzip des Karma Yoga. In vielen spirituellen Traditionen wird der Titel Karma Yogi als Ehrentitel verstanden und zeigt an, dass die Person einen Weg der selbstlosen Handlungen und Hingabe gewählt hat. Es drückt eine Wertschätzung für die gelebten Prinzipien des Karma Yoga aus.

Klingt in unserer Welt etwas abgehoben. Stark idealisiert. Wen wundert’s? Schließlich basiert die Praxis und der Begriff auf den Bhagavad Gita, die vermutlich zwischen dem 5. und 2. Jahrhundert vor Christus geschrieben wurde.

In der Gita, dem Gesang der Götter, wird dabei die Hingabe an Handlungen ohne Anhaftung an die Ergebnisse betont. Das Ziel ist, die Pflichterfüllung ohne egoistische Wünsche zu praktizieren und dadurch spirituelles Wachstum zu fördern.

In der zentralen Schrift des Hinduismus wird Karma Yoga vor allem im zweiten Kapitel (Sankhya Yoga) ausführlich behandelt. Ein bekanntes Zitat dazu ist: 

Du hast ein Recht auf Handlungen, aber niemals auf die Früchte deiner Handlungen. Lass die Früchte der Handlungen nicht der Beweggrund deiner Handlungen sein, und lass dich auch nicht von der Untätigkeit beeinflussen.“ 

Karma Yoga zu praktizieren bedeutet, Handlungen ohne übermäßige Anhaftung an die Ergebnisse auszuführenAuf heute übertragen hieße das:

1. Erfülle deine Aufgaben und Pflichten gewissenhaft, ohne dich ausschließlich auf die Ergebnisse zu fokussieren.
2. Biete anderen Hilfe und Unterstützung an, ohne eine direkte Gegenleistung zu erwarten.
3. Treffe Entscheidungen auf Grundlage von Werten und Prinzipien, unabhängig von persönlichem Gewinn oder Verlust.
4. Engagiere dich in gemeinnützigen Aktivitäten, ohne auf Anerkennung oder Belohnung zu zielen.
5. Akzeptiere die natürlichen Ergebnisse deiner Handlungen ohne übermäßige Freude oder Enttäuschung.

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Die Grundidee ist, das Handeln als Selbstzweck zu betrachten und dabei eine innere Haltung der Loslösung von den Früchten der Handlungen zu kultivieren.

Natürlich fragt sich jeder, der auf dem spirituellen Weg ist, zurecht: Wie können Handlungen ohne Energieausgleich fruchtbar oder heilsam wirken? Denn das universelle Gesetz des Energieausgleichs, oft als Gesetz der Anziehung bezeichnet, besagt: Die Energie, die du in etwas oder jemanden hineingibst, kommt in ähnlicher Form zurück. Will sagen: Positive Handlungen zeitigen positive Ergebnisse und umgekehrt. Der Energieausgleich sorgt so für Harmonie und Balance. Pointiert ausgedrückt: Gibt also nur einer, währenddessen der andere nur empfängt, wird nichts Gutes daraus.

Steht damit nicht, das Gesetz des Energieausgleiches im Widerspruch zu Karma Yoga? 

Klares nein. Beide Konzepte können harmonisch koexistieren, wenn man die Perspektive ändert. Karma Yoga lehrt, dass die wahre Motivation für Handlungen die Pflichterfüllung und das spirituelle Wachstum sein sollte, nicht egoistische Wünsche nach Belohnung. Der Energieausgleich kann dann als eine natürliche Konsequenz dieser selbstlosen Handlungen betrachtet werden. Es bedeutet, dass positive Energie in Form von innerem Frieden, Zufriedenheit und spirituellem Wachstum zurückkommt, wenn Handlungen ohne egoistische Absichten ausgeführt werden.

Daher können Karma Yoga und das Gesetz des Energieausgleichs in einem holistischen Verständnis miteinander in Einklang stehen.

Doch zurück in die Praxis. In den Alltag. Ins Hier und Jetzt. 

Denn bei Karma Yoga gilt freilich das Bonmot: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Denn mit jeder karma-yogischen Tat wächst nicht nur die Freude daran, sondern auch die innere Haltung dazu. In diesem Sinn sprengt Karma Yoga Fesseln. Karma Yoga befreit letztlich von Zwängen. Es ist Lehren und Lernen. Immer wieder neu. Für Geber und Empfänger. 

Hand aufs Herz: Kannst du empfangen oder annehmen, ohne dich zur Gegenleistung verpflichtet zu fühlen? Kannst du geben, ohne etwas vom anderen dafür zu erwarten? Übe es! Auch ohne, dass dich Oz zum Karma-Yogi ernennt. Ermächtige dich selbst oder ernenne andere zum Karma Yogi. Mache die Welt ein bisschen besser. Sie hat es nötig.

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